Ein Zeichen gegen Krieg

02.09.2026 |

Die Gemeinde Kappelrodeck stellte einen wunderschönen Platz bereit, damit vor 70 Jahren der Wunsch von drei jungen Männern in Erfüllung gehen konnte, die unversehrt aus dem Krieg heimkehrten. 
 
Badische Neueste Nachrichten, 02.09.2026, Roland Spether

Kappelrodeck. Wenn Otto Hund von den Bernhardshöfen zum Arbeiten in den Rebberg am Blosenkopf ging, hinunter auf sein geliebtes „Kappler Tal“ schaute und die Gedanken schweifen ließ, dann hat er immer auch die Mutter Gottes in der Kapelle besucht.
Was er der Patronin der vor 70 Jahren erbauten Blosenkopf-Kapelle bis ins hohe Alter von 95 Jahren so alles anvertraute, woran er sich erinnerte und welche Fürbitten er aussprach, blieb sein Geheimnis. Er starb 2020. Aber wer noch mit ihm reden durfte, konnte oft eine ganz große Bitte hören: „Hoffentlich gibt es keinen Krieg mehr.“
Otto Hund wusste sehr genau, was Krieg bedeutete, als er mit 17 Jahren den Stellungsbefehl bekam und sich wenig später inmitten eines grausamen Schlachtfeldes befand. Doch er überlebte wie durch ein Wunder den Krieg und durfte wie Wilhelm Maier und Richard Schneider seinen Heimatort wiedersehen.
Aus Dankbarkeit fassten die drei jungen Männer den Entschluss: „Wir bauen eine Friedenskapelle.“ Daran wird an diesem Freitag, 4. September, um 18.30 Uhr erinnert, wenn bei der Kapelle im Gedenken an die Opfer der Kriege und als Mahnung für Frieden ein Gottesdienst gefeiert wird.
Die Augen von Otto Hund glänzten, wenn er davon erzählte, wie er am 13. August 1947 mit der Bahn ins Achertal fuhr, zum Elternhaus lief und die Mutter ihm eine große Pfanne Speckeier machte. Zwei Jahre war er in amerikanischer Gefangenschaft, nachdem er einer Panzereinheit nahe Paris zugeteilt und mit dieser nach der Invasion der Alliierten in die Normandie verlegt worden war.
Über diese schlimme Zeit mit Leid und Tod erzählte er nicht viel, aber oft davon, wie er mit Wilhelm Maier und Richard Schneider aus den Zinken Bernhardshöfe und Steinebach beschloss, im Gedenken an die Millionen Tote der Weltkriege eine Kapelle zu bauen.
Kaum war der Wunsch ausgesprochen, waren viele Unterstützer zur Stelle. Am Stammtisch der „Elfer-Messe“ im Gasthaus Rössel um 11 Uhr nach dem Sonntagsgottesdienst wurden mit Kappelrodeckern wie Karl Baßler, Karl Köninger und Manfred Klumpp die Pläne geschmiedet. Die Gemeinde stellte sofort kostenlos ein Grundstück an einem Platz bereit, von dem aus die Kapelle weithin sichtbar sein sollte.
Die Arbeiten nach Plänen von Maurermeister Albert Sutterer und Zimmermeister Nikolaus Maier gingen 1955 zügig voran, bis sich im Februar arktische minus 25 Grad einstellten. Vier Wochen ruhte der Bau und die Winzer bangten um ihre Reben.
Doch im Frühjahr ging es weiter, sodass am 17. März 1956 der Rohbau stand und das Richtfest im Gasthaus Adler gefeiert werden konnte. Die Rössel-Brauerei spendierte 75 Liter Bier, Sonnenwirt Friedrich Ebler, Metzger Arthur Nuss und Bäcker Alfred Dürr spendierten den fleißigen Leuten das Vesper.
Eine Muttergottes-Statue sowie die Gedenktafeln mit den Namen der mehr als 60 Gefallenen und Vermissten aus beiden Gewannen schnitzte Bernhard Schneider, während die Bewohner der Bernhardshöfe und des Steinebachs ein Großteil der Baukosten von 3.443 Mark und das Bauholz spendeten. Die Sandsteine vom Kniebis stellte das Forstamt Ottenhöfen bereit.
Auch Maurer, Gipser, Zimmerleute, Blechner und Schreiner steuerten Bausteine bei, sodass mit vielen Händen eine Kapelle aus und für das Dorf entstand.
Als Dekan Hugo Gehrig am Pfingstsonntag, 20. Mai 1956, die Kapelle feierlich weihte, pilgerten mehr als 1.000 Menschen hinauf auf den Blosenkopf. Weithin war die Glocke zu hören, die Regina und Karl Hund stifteten, während Kirchenchor, Männerchor Liederkranz und Trachtenkapelle den würdigen Festtag bereicherten.
Am 3. und 10. Juni 1956 wurde bei der Kapelle das Spiel „Der Pilger vom Ottenberg“ von der Heimatdichterin Elise Vogt aufgeführt. „Droben stehst du nun Kapelle, schaust weit ins Tal hinaus, und von der geweihten Stelle strömt Mariensegen aus.“
Damit beschrieb sie trefflich, was die Erbauer vor 70 Jahren erlebten und was seither unzählige Menschen bei der Einfahrt ins Achertal sehen können.
Liebevoll kümmern sich die Familien der Heimkehrer von einst schon in dritter Generation um die Kapelle, die Frauen um das Innere und die Männer um die Außenanlage und das Aufstellen des Christbaums.
Seit 2005 geht Christoph Lettner Sonntag für Sonntag hinauf, läutet um 6 Uhr die Glocke und bringt mit diesem Dienst die Friedensbotschaft zum Klingen.